Zwischen Bild und Text.
Intermediale Geschlechtskonstruktionen und religiöse Geschlechtsnormierungen in der Frühen Neuzeit
Grazer Senior Fellow: Univ.-Prof.in Dr.in Martina Bär, Institut für Systematische Theologie und Liturgiewissenschaft, Fachbereich Fundamentaltheologie
Local Junior Fellow: René Corvaia-Koch, MA
Incoming Senior Fellow: Dr. Benedikt Bauer, Universität Bochum
Incoming Junior Fellow: Torben Hanhart, MA, Universität Bern
Zeitraum: August 2025 – Januar 2027
Projektbeschreibung
Was haben die Porträtbilder Martin Luthers und seiner Frau Katharina von Bora und frühneuzeitliche Bibelillustrationen mit aktuellen Geschlechterkonstruktionen zu tun?
In der Frühen Neuzeit spielten im lutherischen und im katholischen Kontext bebilderte religiöse Schriften wie Flugblätter, Bilderbibeln oder Porträt- und Heiligenbilder bei der Vermittlung theologischer Inhalte in die Gesellschaft eine zentrale Rolle. Über diese Medien verbreiteten sich religiös normierte Geschlechterrollen, die bis heute nicht nur in den christlichen Konfessionen wirksam sind.
Kennzeichnend für die Frühe Neuzeit ist der Medienwandel, der eine neue Medienvielfalt und neue Verbreitungsformen mit sich brachte. Gerade die kombinierte Medienform, in der Text und Bild in Ergänzung zueinanderstehen, wurde bei der Konstruktion von Männlichkeit(en) und Weiblichkeit(en) strategisch eingesetzt, um konfessionell reglementierte Geschlechtervorstellungen zu legitimieren, wie etwa das Motiv der lesenden Ehefrau im Protestantismus oder die keusche Gottesmutter Maria im Katholizismus. Geschlechtlich aufgeladene Spottbilder dienen auch der konfessionellen Abgrenzung, wenn etwa Martin Luther und Katharina von Bora nackt im Bett zu sehen sind und der Text kommentiert, dass Luther die Abschaffung der katholischen Messe vom Teufel gelernt hätte.
Das Forschungsprojekt mit intermedialem Ansatz will in einer interkonfessionellen Hermeneutik religiöse Text-Bild-Kombinationen analysieren, die für die Geschlechterkonstruktionen der Frühen Neuzeit relevant sind. Es soll danach gefragt werden, wie sich visuelle und textliche Inhalte aufeinander beziehen, um Geschlechterrollen religiös-normativ zu stabilisieren, auszuhandeln oder in Frage zu stellen. Schließlich soll eruiert werden, welche Wirkung die bild-textlichen Geschlechterkonstruktionen in der Moderne entfalteten und wie sie bis heute fortleben.
Tagung “Gender, Intermedialität, Konfession – Religiöse Geschlechtsnormierungen revisited”
1.-2. Oktober 2026
Wie werden Geschlecht, Religion und konfessionelle Zugehörigkeit in unterschiedlichen historischen und medialen Kontexten verhandelt, dargestellt und normiert? Und was verändert sich, wenn wir diese Zusammenhänge aus intermedialer und interkonfessioneller Perspektive neu betrachten? Diesen Fragen widmet sich die Tagung „Gender, Intermedialität, Konfession – Religiöse Geschlechtsnormierungen revisited“, die im Rahmen des Elisabeth-List-Fellowship-Projekts "Zwischen Bild und Text. Intermediale Geschlechtskonstruktionen und religiöse Geschlechtsnormierungen in der Frühen Neuzeit" stattfindet.
Ausgehend von den vielfältigen Traditionen der Geschlechterforschung in Theologie, Religionswissenschaft und Kulturwissenschaft nimmt die Tagung religiöse Geschlechtsnormierungen nicht als statische Größen in den Blick. Vielmehr fragt sie nach ihren historischen Veränderungen, medialen Vermittlungen und konfessionellen Prägungen. Dabei werden auch feministische, queertheoretische, intersektionale und postkoloniale Perspektiven berücksichtigt und miteinander ins Gespräch gebracht.
Die Tagung möchte im Sinne des "revisited" etablierte Perspektiven auf religiöse Geschlechtsnormierungen erneut aufgreifen, kritisch befragen und aus unterschiedlichen theoretischen, historischen und medialen Blickwinkeln neu perspektivieren. Daher werden in den Vorträgen sowohl historische als auch gegenwärtige Geschlechterdarstellungen in Bild-Text-Kombinationen auf das Zusammenspiel von Religion, Medium und Ästhetik befragt.